Selbst und ständig
- sofrei
- 3. Juni
- 3 Min. Lesezeit

Der erste Tag Urlaub in der Selbstständigkeit. Zeit, mal meine Gedanken zu sortieren. Gleich vorneweg: Ja, es war der richtige Schritt, es fühlt sich gut, es macht Spaß. Und ja, es gibt Herausforderungen, es ist anstrengend und ich arbeite nicht weniger. Und selbst heute habe ich mit einem Anbieter für ein smartes Telefonsystem gesprochen. Und bei der Massage sind die Gedanken auch immer wieder Richtung Praxis abgeschweift.
Meine "To Do" Liste für diese Woche habe ich "Want To" Liste genannt, denn bei Wünschen ist es ja klar, dass nicht alle erfüllt werden. Das richtige Framing ist wichtig. Es ist mir klar, dass die Liste wieder viel zu voll ist. Und es ist mir auch klar, dass die wichtigste Aufgabe diese Woche ist, mich möglichst gut zu erholen, um voller Energie zurück zu kommen. Dabei versuche ich die Säulen für ein gesundes Leben möglichst vollständig abzubilden: Gesunde Mahlzeiten mit vielen Nährstoffen und ein bisschen Genuss. Zeit mit Familie und Freunden (blöd, dass der Lieblingsehemann keinen Urlaub hat und auch noch zwei Tage weg fährt), Zeit in der Natur, Sport und Bewegung, Lesen, Musizieren und ganz wichtig ausreichend Schlaf (ohne zu sehr von meinen regulären Schlafenszeiten abzuweichen).
Was hat sich denn jetzt verändert durch die Selbstständigkeit? Die Verantwortung ist nicht weniger geworden, vielleicht sogar ein bisschen mehr. Und sie hat sich verschoben. Ich habe aktuell keine Ärzt*innen in Weiterbildung, für die ich Verantwortung habe. Dafür habe ich jetzt Personalmitverantwortung als Arbeitgeberin für 2 MFAs, 2 Rezeptionsaushilfen und eine Reinigungskraft. Für deren Arbeit und Entscheidungen, die ich nicht immer mitbekomme, schließlich höre ich nicht jedes Wort, dass an der Rezeption gesprochen wird. Aber auch dafür, dass diese Personen ein angenehmes, faires Arbeitsumfeld erleben, dass ihre Kompetenzen gesehen, gestärkt und erweitert werden und v.a. dass das Gehalt pünktlich auf ihren Konten landet. Das war in der langen Zeit, die wir auf den KFW-Kredit gewartet haben tatsächlich eine Herausforderung. Ich habe Mitverantwortung dafür, dass die Abrechnung pünktlich und möglichst fehlerfrei übermittelt wird (und wie ich erst lernen musste auch die Quartalserklärung). Dass Fehler schnellstmöglich korrigiert (und wenn es systemische Fehler sind auch kommuniziert) werden. Dass möglichst wenig abrechenbare Ziffern verloren gehen und ich mich weiterbilde und auf dem aktuellen Stand bin. Dass die Kosten möglichst stabil bleiben, in einer Zeit, in der Energie, Lebensmittel und Verbrauchsmaterial immer teurer werden. Die Arbeitsstunden sind auch nicht weniger geworden, ich kann aber einen Teil der administrativen Arbeit von zu Hause aus machen und zum Teil sogar aussuchen wann. Ich kann in Absprache einen freien Tag machen, es sollte nur möglichst nicht zu spontan sein (das war ja schon immer schwierig). Das Gefühl hat sich komplett verändert, ich fühle mich zufriedener, freier, motivierter. Obwohl die Arbeit am Patienten die Gleiche ist, ist sie ganz anders. Ein wichtiger Faktor ist sicher, dass ich mehr Energie habe. Ich gehe relativ konstant zur gleichen Zeit ins Bett (zu einer Zeit, zu der ich im Spätdienst oft noch in der Klinik war). Ich schlafe, ohne das Diensttelefon neben mir und ohne nächtliche Anrufe.
Auch die Zusammenarbeit mit meiner Tochter, die einen Nachmittag die Woche an der Rezeption sitzt, hat uns verändert. Sie kann inzwischen wunderbar telefonieren und hat gemerkt, dass Rezeptionsarbeit herausfordernd sein kann, ihr aber Spaß macht. Ich schätze ihre Freundlichkeit und ihre Problemlösungsstrategien. Ich finde es schön, wenn wir nach einer gut gelaufenen Sprechstunde die Praxistür zuschließen, eine Mülltüte in der Hand und mit uns zufrieden zum Auto gehen um nach Hause zu fahren (und zu hoffen, dass Alex das Abendessen fertig hat). Vermisse ich die Notaufnahme? Ja, manchmal, vor allem die Kolleg*innen, Ärzt*innen, Pflegende, Reinigungskräfte, MTRAs, Labor. Die ganzen Expert*innen in direkter Reichweite. Das Gefühl, gemeinsam Dinge zu erleben, die sich die meisten Menschen nicht mal vorstellen können. Insgesamt aber deutlich weniger, als erwartet. Meine Zufriedenheit ist viel zu groß.



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