Ein Jugendshelter und zwei bekannte Lager
- sofrei
- 2. Feb.
- 6 Min. Lesezeit
Es ist wirklich total verrückt, wie schnell die Zeit hier vergeht. Das Wochenende mit Alex war im Handumdrehen wieder vorbei. Wir hatte viel Spaß und haben uns beim Sightseeing die Füße wundgelaufen. Alex konnte vor lauter herumschauen teilweise nicht weiter laufen und ich habe mich belustigt daran erinnert, dass das bei mir die ersten Tage hier genauso war. Montagmorgen machten wir uns auf den Weg ins Büro, um die Impfstoffe abzuholen und ein bisschen mit Marina zu plaudern. Sie ist eine beeindruckende Persönlichkeit mit großem Engagement für die medizinische Versorgung der Flüchtlinge.
Makrinitsa
Erst ging es entspannt nach Volos und dann noch eine halbe Stunden über enge Serpentinen bergauf zum Shelter. Auch hier wurden wir sehr freundlich begrüßt von den Betreuer*innen und Sozialarbeiter*innen. Die meisten der 22 Jungen von 12-18 Jahren sollten jeweils zwei Impfungen bekommen, einige zudem ein Schulattest und / oder eine Hautuntersuchung. Wir vereinbarten, dass die Betreuer*innen uns Bescheid sagen sollten, wenn außer der Impfung etwas anstand, dann würde Erik anschließend mit dem jeweiligen Jungen und dem männlichen Sozialarbeiter in einen Nebenraum gehen. Die Jungen benahmen sich wie typische Jugendliche, manche ließen sich bereitwillig impfen, manche mussten überredet werden. Manche sprachen ein bisschen Englisch mit uns. Manche hatten nach der Impfung eine große Klappe. Manche blieben dabei und sahen uns bei der Arbeit zu und unterstützten ängstlichere Kameraden und manche verschwanden, sobald sie alles hinter sich hatten. Am Ende verweigerte nur ein Junge seine Impfungen und ein anderer war nicht da, die anderen wurden geimpft. Es war eine angenehme Atmosphäre und die Arbeit machte Spaß. Es war ganz angenehm, keine Lösungen finden zu müssen, die es nicht wirklich gibt. Und als Impfbefürworterin finde ich das Impfen eine wunderbar sinnvolle Tätigkeit. Ich bin entsetzt, dass ich Deutschland ein ungeimpfter 10-jähriger Junge an Diphterie verstorben ist.
Es gab ein paar Krätzefälle, die leider mit der Lotion behandelt werden müssen, weil es derzeit kein Scaball gibt. Und keine Bedenken, gegen eine Teilnahme am Sportunterricht.
Nach getaner Arbeit führen wir noch ein Stückchen die Straße hoch in den traumhaften Ort Makrinitsa und genossen einen Kaffee mit atemberaubender Aussicht, bevor wir uns wieder auf den Rückweg machten.

Nea Kavala 4
Dienstag stand wieder Nea Kavala auf dem Plan. Faramarz hatte uns mitgeteilt, dass wir bereits diese Woche auf uns selbst gestellt waren und mit Google Übersetzer und den Campdolmetschern würden arbeiten müssen. In Nea Kavala ist das Team aber eingespielt und der Tag lief ohne große Ereignisse.
Im Gedächtnis geblieben ist mir vor allem eine 70-jährige Dame, die einen Schlaganfall hinter sich hat und an multiplen internistischen Vorerkrankungen leidet. Sie lebt mit ihrem Sohn und leidet unter ihrem Zustand, unter der Gesamtsituation und unter Schmerzen. Trotzdem muss sie sehr mutig und stark sein, sich mit diesen Einschränkungen auf den Weg zu machen.
Auch Eltern erzählen uns immer wieder, dass die Hoffnung auf eine bessere medizinische Versorgung ihrer Kinder ein Grund dafür waren, sich auf den Weg nach Europa zu machen (falls jemand noch Ideen sucht, um Fluchtursachen zu bekämpfen).
Auf dem Rückweg machten wir noch schnell unsere Einkäufe beim Lidl und planten diesmal zu Hause zu kochen, da Erik abends noch einen Telefontermin hatte, wir zudem mit meiner Nachfolgerin telefonieren wollten und Erik die Karten für das Basketballspiel am nächsten Abend besorgen wollte.
Sintiki 3 und Basketball

Vor Sintiki wollten wir noch schnell die Chronikermedikamente auffüllen. Sintiki ist bisher unser emotional schwierigstes Lager, aber an diesem Tag lief es sehr angenehm und reibungslos. Mit viel Geduld und guten Willen führten wir die Ergebnisse aller Gespräche so zusammen, dass wir zu einheitlichen Ergebnissen kamen, was vielleicht auch daran lag, dass wir mit nur einer Nurse arbeiteten und die Konzentration sehr gut im Raum und bei den jeweiligen Patienten lag und die Dolmetscher immer ein bisschen Griechisch und Englisch übersetzt haben. Der Farsi sprechende Dolmetscher wurde zunächst noch für Interviews gebraucht, so dass wir mit arabisch sprechenden Personen und solchen, die sich auch auf Englisch verständigen konnten beginnen wollten. Ein Bewohner, der ganz gut Englisch sprach blieb nach seiner Behandlung, um auch ein bisschen auszuhelfen, bis der Übersetzer wieder frei war. Dem Mädchen mit der Pigmentstörung zeigten wir das kanadische Supermodel und hörten, dass sie einen pädiatrischen Kontrolltermin hatte. Die Familie hatte uns bereits beim Kommen freudig begrüßt.
Zwei junge Männer kamen mit fieberhaftem Infekt und waren schon krank. Da bei dem ersten der Test auf Influenza B positiv war und beide in einem Container wohnten, verzichteten wir auf den zweiten Abstrich.
Gegen Nachmittag kamen immer mehr Patienten, so dass wir einige auf Montag vertrösten mussten. Faramarz hat uns erklärt, dass viele Campbewohner lange schlafen. Was soll man auch tun, wenn man wartet. Wartet, bis man sein Interview hat. Wartet, bis man seine Asylbewerberkarte bekommt. Wartet, bis man in ein anderes Lager verlegt wird. Wartet, bis man erfährt wie es weitergeht. Dann spricht sich herum, dass Ärzte im Camp sind und dann überlegt man sich, dass man ja doch Beschwerden hat. Man kann insofern beliebig lange arbeiten. Bisher hat uns Faramarz davor bewahrt, in Nea Kavala sorgt auch Anna für ein pünktliches Ende, in anderen Lagern müssen wir uns da jetzt selbst etwas disziplinieren.
Wir mussten rechtzeitig die weite Heimfahrt antreten, wir waren mit Faramarz zum Basketball schauen verabredet. Erik war pessimistisch und das heimische Team war mit der B-Mannschaft aufgelaufen, aber die Hamburger blieben trotz vieler Fehlwürfe eng dran und am Ende gewannen sie in der Verlängerung mit zwei Punkten. Es gab sogar Ultras, die das Heimteam mit Trommeln und Fangesängen lautstark unterstützten. Mein bisschen Gekreische für Hamburg spielte da keine große Rolle. Wir waren auf jeden Fall sehr aufgeputscht von dem spannenden Spiel. Nach einem herzlichen Abschied von Faramarz ging es dann nach Hause.

Wie schön, dass wir am Donnerstag tatsächlich einen freien Tag hatten. Es war auch der einzige geplante freie Tag in unserer Zeit, außer den wunderbaren freien Wochenenden.
Nea Kavala 5
Wir brachen früh auf, was zur Folge hatten, dass wir erstmal ein bisschen rumsaßen.
Herausforderungen heute, waren Menschen, deren Asylantrag abgelehnt worden war und deren Widerspruch dagegen lief und die deswegen aber derzeit keinen Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem haben. Dummerweise war ein Patient am Vortag auf seine Hand gefallen und sonografisch sah es tatsächlich nach einer Fraktur aus, so dass eine Notfallbehandlung erforderlich war.
Ein anderer Patient berichtete über eine Krankenhausbehandlung, bei der er nicht gewusst habe, was passiert sei. Er habe im Koma gelegen und sei mit einer Narbe aufgewacht. Er befürchte, dass ihm eventuell ein Organ entnommen worden sei. Das hielten wir bei der Narbe im rechten Unterbauch für eher unwahrscheinlich, aber wir schauten einmal mit dem Ultraschallgerät und fanden auch alle Organe. Trotzdem wird es da ein offizielles Statement aus einer offiziellen griechischen Quelle brauchen. Das Mistrauen und der Verdacht des Patienten erklärt sich wahrscheinlich auch aus stattgehabter Folter, von der das rechte Bein schwer vernarbt war.
Auch Kommunikation war herausfordernd. Bei einer Patientin war anamnestisch nicht sicher zu klären, ob die Schilddrüsentablette ein Schilddrüsenhormon oder ein Blocker war. Daher baten wir sie, ihre Tabletten aus ihrem Container zu holen, was sich als sehr sinnvoll erwies und uns wieder lehrte, Aussagen wenn möglich und erforderlich genau zu überprüfen. Es stellte sich heraus, dass die Tabletten die richtigen und wichtigen waren, aber bis zum nächsten geplanten Termin nicht reichen würden.
Einem weiteren Patienten war bei vorhandener mechanischer Herzklappe seine Blutverdünnung ausgegangen, da war es ein Glück, dass es im Lager noch etwas gab, wobei wir auch da etwas im Blindflug agieren mussten. Eine Kontrolle wird erst diese Woche stattfinden können. Warum man sich erst meldet, wenn es schon zu spät ist, wird mir unbegreiflich bleiben. Zuweilen liegt es wohl an einem tiefen Mistrauen in das System.
Vieles von diesem Tag war insofern schwer, als dass es in Deutschland leicht zu lösen gewesen wäre. Zudem war es in diesen Tagen nicht möglich im Krankenhaus von Polykastro Laboranalysen zu machen, da die einzige (!) Mitarbeiterin, die dazu in der Lage ist, krank war.
Nach der Sprechstunde hatten wir noch etwas Zeit mit den Nurses über deren persönliche Situationen und die Schwierigkeiten im griechischen Gesundheitssystem zu sprechen. Dabei bestätigte sich das berühmte „Schlimmer geht immer“ und ich bin doch noch dankbar in unserem System zu leben und zu arbeiten und hoffe, das schlauen Köpfen doch noch einfällt, wie man das Ganze finanziell und personell auf eine solide Basis stellen kann.
Sehr nachdenklich fuhren wir bestem Wetter zurück nach Thessaloniki und entschieden uns die Feierabendcruise auf dem Piratenboot endlich zu machen. Die Fahrt ist „frei“, man muss nur ein Getränk bestellen. Wir blieben bei Kaffee und O-Saft, wurden aber den frisch-gezapften Bieren in beschlagenen Gläsern doch ein bisschen neidisch. Die Fahrt endete mit einem spektakulären Sonnenuntergang.

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