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Wechselbad der Gefühle in den letzten Tagen

  • sofrei
  • 16. Feb.
  • 6 Min. Lesezeit

Meine letzten Tage hier sind gekommen und ich muss mich überall bereits schon wieder verabschieden. Auch wenn ich mich sehr auf meine Familie und meine Kolleg*innen freue, bricht es mir ein bisschen das Herz Thessaloniki zu verlassen.


Sintiki 4

Nach dem sehr angenehmen Arbeiten in der Vorwoche und einem großartigem Wochenende mit Ausflug zu den Thermalquellen von Pozar und nach Edessa landeten wir am Montag mit einem Knall auf dem Boden der Tatsachen.

Wir kamen sehr gut durch und früh im Lager an und wurden gewohnt herzlich begrüßt. Allerdings unterstützte uns heute die Nurse, die überhaupt kein Englisch spricht. Und es zeigte sich wieder, dass Patienten mit chronischen Erkrankungen in diesem Lager nicht gut aufgehoben sind. Sie kommen nicht an ihre Medikation, die Kontrollen finden einfach nicht statt. Die eine Patientin, die wir bereits bei unserem ersten Besuch gesehen hatten, hatte wieder einen Blutzucker von 571 mg/dl. Das letzte Mal war sie an dem Tag vor unserem Besuch im Krankenhaus „runter gespritzt“ und mit dem Taxi zurück ins Lager geschickt worden. In dem Lager ist es nicht möglich, dass der Blutzucker gemessen wird (das geht in den meisten anderen Lagern völlig problemlos). Eine andere Patientin hat einen bekannten Typ I Diabetes und nur noch für wenige Tage Insulin.  Und irgendwie hat es außer uns niemanden aufgeregt, es war eher so ein: es ist halt so.

An diesem Tag war einfach alles schwer, angefangen von der Kommunikation. Es war über Stunden nicht möglich, einen Dolmetscher zu bekommen. Es war nicht möglich, dass Patienten und Patientinnen, die es dringend benötigen in das griechische Gesundheitssystem kommen.

Ein kleines Mädchen kam mit einer Verbrühung am Knie. Es war an diesem Tag ein Pädiater im Lager  zum Impfen (und scheinbar nur zum Impfen, denn es wurden uns trotzdem alle Kinder vorgestellt), so dass das Mädchen zumindest eine Tetanusauffrischung bekommen konnte.

Weitere frustrierende Geschichten waren ein entwicklungsverzögertes Mädchen und ein untergewichtiger Junge. Ich hoffe so sehr, dass da jemand nicht so gegen Wände läuft, wie wir an diesem Tag. Die Kommunikation sowohl mit den Eltern als auch mit der Nurse liefen komplett mit dem Übersetzungsprogramm des Mobiltelefons.

Wir arbeiteten ohne Pause durch und mussten uns am Ende wieder mit Gewalt losreißen. Da das Auto am nächsten Tag in die Inspektion sollte, mussten wir den Kofferraum leer räumen. Also setzte Erik mich und die Tüten vor der Haustür ab. Anschließend verbrachten wir einen sehr frustrierten Abend mit Kaffee und Comfort food und versuchten unsere optimistische Grundstimmung wieder zu finden.   

Der unverhoffte freie Tag gab uns die Möglichkeit unseren Medikamentenvorrat nochmal gründlich durchzusehen und abgelaufene Medikamente auszutauschen und die Körbe noch besser zu packen. In dem neuen Lager, das für Mittwoch auf dem Programm stand, würden wir unsere Taschen wohl weit tragen müssen. Unsere Vorgänger haben sich alle Mühe gegeben, die Körbe übersichtlich zu gestalten und zu beschriften, aber in der Zwischenzeit sind natürliche einige Medikamente abgelaufen und es haben sich Regelungen zur Abgabe von Antibiotika geändert. Zudem ist derzeit Scaball nicht lieferbar.  Manches erweist sich auch im Alltag als praktikabler und jedes Lager hat so ein bisschen seine eigenen Anforderungen.

Das Aufräumen hat sich gelohnt
Das Aufräumen hat sich gelohnt

Veroia 1

Mittwoch fuhren wir zum ersten Mal nach Veroia. Wir parkten an einem See vor dem Lager und dann folgte am Tor die Einlassprozedur. Dann durften wir einem Sicherheitsmitarbeiter zum Medical Center folgen. Das Lager ist ganz schön auf einem ehemaligen Militärgelände und der Weg war weit. Da hatte es sich doch gelohnt, das Gepäck am Vortag auf eine Tasche und die Tasche mit dem Ultraschall zu reduzieren.

Die Räumlichkeiten waren hier ein Traum, zwei große Tische, eine Untersuchungsliege hinter einem Vorhang, Blutdruckmessgerät, Waage, BZ-Messgerät. Es gab sogar einen zweiten Raum mit einer zweiten Trage und einem gynäkologischen Stuhl.

Die Nurses waren auch hier extrem nett und es ging sehr zögerlich los, so dass wir uns erstmal in Ruhe unterhalten konnten. In diesem Lager leben v.a. Flüchtlinge aus Syrien, teilweise schon jahrelang. Es gibt bisher keine verstärkten Rückreisebewegungen nach Syrien nach dem Sturz des Assad-Regimes. Den Menschen ist die aktuelle Lage noch viel zu unsicher, die derzeitigen Machthaber zu unberechenbar und dazu gibt es wenig, wozu man zurückkehren kann, zerstörte Häuser, Schulen und Krankenhäuser, schwierige Versorgung, alles viel zu ungewiss.

Ein Thema, dass wohl unseren Vorgängern häufiger Vorgestellt wurde aber uns zum ersten Mal war ein unerfüllter Kinderwunsch seit 7 Jahren. Es gab bereits Untersuchungen, sogar ein Spermiogramm des Ehemannes, die uns zeigten, dass es so ganz ohne Unterstützung nicht so einfach sein würde. Unser Learning war, dass ab der Hochzeit Kinderwunsch besteht (oder zumindest eine baldige Schwangerschaft erwartet wird), was ja in unserer Wahrheit nicht unbedingt in einem Zusammenhang besteht.

Es gibt zwei nette Arabischübersetzer in dem Lager, die beide auch gut Englisch sprechen. Trotzdem ist bei so einem Thema natürlich eine sehr sensible Kommunikation gefragt. Unsere Patientenzahl hielt sich bei diesem ersten Einsatz dort noch sehr in Grenzen und gab uns Raum für ein solches Gespräch. Die Arbeitsbedingungen waren die Besten überhaupt. Und da Impfstoffe bestellt wurden habe Erik und meine Nachfolgerin nächste Woche hoffentlich deutlich mehr zu tun.

Von Veroia fuhren wir mit unserem obligatorischen Kaffee bei strahlendem Sonnenschein nach Ioannina.


Ioannina 2

In Ioannina erfuhren wir, dass es seit zwei Wochen eine griechische Ärztin gab, die das Lager betreute und die zufällig genau an diesem Tag (und dem folgenden) krank war. Tatsächlich hatte sie mit Patienten bereits Sachen besprochen, wie einen Bericht, den sie für den Asylantrag eines Patienten schreiben wollte und den wir dann natürlich nicht liefern konnten.

In Ioannina gibt es einen Dolmetscher für Französisch. Das Französisch hat allerdings mit dem Französisch, dass ich mal gelernt habe sehr wenig zu tun. Ein weiterer Fun Fact ist, dass ich anfangs dachte, wenn die Patienten nach „Tasuman“ verlangten, dass das der Name eines bestimmten Übersetzers sei. Erst im Verlauf habe ich verstanden, dass das dort gebräuchliche Wort für Übersetzer ist. So als der 3. Übersetzer auch Tasuman hieß, habe ich es dann auch kapiert.

Hier war ein 8-jähriges Mädchen aus Afghanistan sehr beeindruckend, das mit uns gutes Englisch und den Nurses im Lager Griechisch sprach. Und Arabisch konnte sie wohl auch noch neben ihrer Muttersprache

Da fragt man sich natürlich, warum wir nicht „abbestellt“ wurden, wenn es in dem Lager eine Ärztin gab. Wäre sie da gewesen, hätten wir ja überhaupt keinen Arbeitsplatz gehabt. So hatte es sich ganz gut getroffen, wir konnten uns doch noch nützlich machen und frühzeitig aufbrechen nach Filippiada mit Fahrt über die landschaftlich sehr reizvolle Landstraße.

 

Filippiada 3

Hier hatte der Einsatz mit der Arbeit an Patienten für mich begonnen und hier würde es auch enden. Heute gab es keinen Farsi Dolmetscher und wir mussten hier viel mit der Handy-Übersetzung arbeiten. Dabei fanden wir heraus, dass in einer Familie der Vater nicht, die Mutter aber wohl lesen konnte. Diese Konstellation war eine Überraschung für mich. In Filippiada sahen wir wie bisher immer viele Patienten, obwohl es diesmal keine Impfungen gab. Es gab viele neue Familien und da musste die Impfungen erst noch geplant und der Impfstoff bestellt werden.

Zudem sahen wir, dass syrische Flüchtlinge von einer Demonstration zurück kamen. Sie protestierten gegen die Aussetzung ihrer Anhörungen nach dem Sturz des syrischen Regimes.

Viel Raum nahm ein Patient ein, der bereits seit 6 Jahren im Lager lebt und uns von seinen Depressionen und seinen Pregabalin Missbrauch erzählte. Er hatte sich zuvor als Übersetzer angeboten, da er ein bisschen Englisch sprach. Es zeigte sich dann aber, dass das Englisch nicht ausreichte und wir doch den Handy-Übersetzer zu Rate ziehen mussten. Dabei zeigte sich dieser Patient bereits sehr auffällig an der Kommunikation interessiert und wollte mitlesen. Wir hatten daher bereits entschieden, ihn dann freundlich aber bestimmt aus dem Container zu bitten, als er sich dann als nächster Patient in der Reihe herausstellte.

Wir mussten die Sprechstunde trotz wartenden Patienten irgendwann beenden, denn wir mussten nach Thessaloniki zurück und ich musste am nächsten Morgen um 5.00 Uhr los. Also ein letztes Mal verabschieden und dann zurück nach Thessaloniki. Ich übernahm die erste Fahrtstrecke und Erik die DJ Position. Als es dunkel wurde, wechselten wir. In Thessaloniki packte ich meine Taschen, dann gönnten wir uns ein letztes gemeinsames Abendessen, umrundeten noch ein letztes Mal (für mich) den weißen Turm.

Sehr wehmütig stieg ich ein letztes Mal die Stufen zu unserer Wohnung hoch. Am nächsten

Morgen wachte ich noch vor dem Wecker um kurz nach 4.00 Uhr auf. Das Einpacken der restlichen Sachen und Bett abziehen dauerte nochmal etwas länger als geplant und um kurz nach 5.00 Uhr brachte Erik mich netterweise zur Bushaltestelle.  

Hier endet meine Zeit in Thessaloniki. Ich werde hoffentlich in nächster Zeit noch ein Fazit schreiben und vielleicht auch noch etwas zu den ersten Tagen/Wochen danach.

 

 

 

 
 
 

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